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Krypto Regulierung

MiCA-Effekt: Warum ziehen Anleger ihre Coins in Self-Custody?

Luis Schilli
Luis Schilli 21. Juli 2026 8 Min. Lesezeit
MiCA-Effekt: Warum ziehen Anleger ihre Coins in Self-Custody?

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Binance-Co-CEO Richard Teng berichtete Anfang Juli 2026 öffentlich, dass rund 70 Prozent der EU-Auszahlungen nach dem Rückzug der Börse aus dem EU-Markt in Self-Custody-Wallets flossen.
  • Binance verzeichnete laut On-Chain-Daten von DefiLlama in der Woche zum 29. Juni 2026 Netto-Abflüsse von 1,23 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 207 Prozent gegenüber der Vorwoche.
  • EU-weit waren Ende Juni 2026 nur noch rund 244 CASP-lizenzierte Anbieter aktiv, gegenüber rund 3.000 zuvor national registrierten Firmen.
  • Die EU-Travel-Rule verlangt seit Ende 2024 zusätzliche Prüfungen bei Überweisungen an private Wallets, was Wechsel zwischen Börsen aufwendiger macht als eine dauerhafte Selbstverwahrung.
  • CoinTracking dokumentiert Börsen- und Wallet-Transaktionen gemeinsam, damit Kostenbasis und Haltefrist auch nach einem Wechsel in Self-Custody korrekt bleiben.

Warum ziehen gerade jetzt so viele Krypto-Anleger ihre Coins von Börsen ab und in die eigene Wallet? Seit dem 1. Juli 2026 ist die MiCA-Übergangsfrist EU-weit abgelaufen, und der Markt reagiert sichtbar darauf. Was diesen Trend bemerkenswert macht, ist nicht eine einzelne Ursache, sondern das Zusammenspiel von vier Entwicklungen, die gleichzeitig wirken: Lizenz-Knappheit, sinkendes Vertrauen in zentrale Börsen, strengere Überweisungsregeln und der Rückzug einzelner Anbieter aus dem EU-Markt.

Die folgenden Abschnitte ordnen diese vier Treiber einzeln ein und zeigen, welche Zahlen sich tatsächlich belegen lassen und welche nicht. Was MiCA grundsätzlich regelt, erklärt der Artikel Was ist MiCA? Die EU-Krypto-Verordnung einfach erklärt.

Der Auslöser: Binance, Richard Teng und die 70-Prozent-Zahl

Der Trend bekam Anfang Juli 2026 sein bekanntestes Beispiel. Binance hatte seine griechische MiCA-Lizenzanfrage am 24. Juni 2026 zurückgezogen und den Betrieb für EU-Kunden zum 1. Juli 2026 eingestellt: keine neuen Einzahlungen, keine neuen Trades, keine neuen Anmeldungen mehr. Auf dem Reuters-NEXT-Asia-Gipfel in Singapur, der wenige Tage später stattfand, erklärte Binance-Co-CEO Richard Teng, dass rund 70 Prozent der Gelder, die EU-Nutzer von Binance abgezogen hatten, in eigene Wallets flossen. Nur etwa 30 Prozent seien auf andere MiCA-lizenzierte Plattformen gewandert. Was der EU-Marktaustritt für betroffene Nutzer konkret bedeutet, erklärt unser Artikel Binance verlässt die EU.

Diese Zahl ist real und wurde unabhängig voneinander von mehreren Fachmedien aufgegriffen, darunter The Block und CryptoSlate. Wichtig für die Einordnung: Es handelt sich um eine Binance-spezifische Zahl, nicht um eine EU-weite Statistik. Sie beschreibt, was mit den Abflüssen einer einzelnen Börse passiert ist, nicht, wohin sämtliche Krypto-Bestände in Europa fließen. Die Daten stammen zudem ausschließlich von Binance selbst und wurden nicht extern geprüft, ein Umstand, den CryptoSlate in seiner Berichterstattung explizit anmerkte.

Etwas belastbarer ist eine zweite, unabhängige Zahl: On-Chain-Daten des Analysedienstes DefiLlama zeigen, dass die Netto-Abflüsse von Binance in der Woche zum 29. Juni 2026 auf 1,23 Milliarden US-Dollar stiegen, ein Anstieg von 207 Prozent gegenüber der vorherigen Woche mit rund 400 Millionen US-Dollar. Diese Zahl belegt zumindest, dass tatsächlich ein deutlicher Abfluss stattfand. Sie beweist aber nicht, dass genau 70 Prozent davon in Self-Custody gingen, dieses Detail bleibt Tengs eigene, unbestätigte Einordnung.

Treiber 1: Lizenz-Knappheit nach dem MiCA-Stichtag

Der erste strukturelle Grund für den Trend ist schlicht Angebotsknappheit. In Deutschland endete die nationale Übergangsfrist über das Kryptomärkteaufsichtsgesetz bereits am 31. Dezember 2025. Die EU-weite Schlussfrist nach MiCA folgte am 1. Juli 2026. Seitdem dürfen ausschließlich Anbieter mit gültiger CASP-Lizenz Krypto-Dienstleistungen in der EU erbringen.

Wie stark sich der Markt dadurch verengt hat, zeigt ein Vergleich der Zahlen: Berichten zufolge waren Ende Juni 2026 EU-weit nur rund 244 gültige CASP-Lizenzen erteilt, gegenüber schätzungsweise 3.000 Firmen, die zuvor unter nationalen Registrierungsregimen aktiv waren. Ein erheblicher Teil des vormaligen Anbietermarktes hat damit seine EU-Betriebserlaubnis verloren oder nie eine beantragt.

Deutschland selbst zählt zu den Ländern mit den meisten erteilten Lizenzen. Berichten zufolge hat die BaFin bereits 57 CASP-Lizenzen vergeben, mehr als jeder andere EU-Mitgliedstaat. Die Mehrzahl davon geht allerdings an Banken und Finanzinstitute, nicht an klassische Retail-Börsen. Wer als Privatanleger eine breite Auswahl an lizenzierten, verbraucherfreundlichen Handelsplätzen sucht, hat es in der Praxis also mit weniger Optionen zu tun, als die reine Lizenzzahl vermuten lässt. Genau diese Verknappung ist ein erster Grund, warum eigene Verwahrung für viele Anleger attraktiver wirkt als die Suche nach der nächsten passenden Börse.

Treiber 2: Sinkendes Vertrauen in zentrale Börsen

Neben der reinen Verfügbarkeit spielt Vertrauen eine Rolle, die sich schwerer in einer einzelnen Zahl fassen lässt, aber in der Breite spürbar ist. Studien wie der im März 2026 veröffentlichte Bericht von Cointelegraph Research und Trezor zur Zukunft der Selbstverwahrung deuten auf einen wachsenden Vertrauensverlust gegenüber zentralen Verwahrstellen hin. Der Bericht ordnet diese Entwicklung in erster Linie den Nachwirkungen früherer Börsenzusammenbrüche zu, nicht speziell der MiCA-Regulierung.

Für europäische Anleger kommt seit 2026 aber eine zusätzliche, MiCA-spezifische Komponente hinzu: Wer miterlebt, dass eine große Börse wie Binance ihren EU-Betrieb kurzfristig einstellt, überträgt dieses Erlebnis erfahrungsgemäß auf die eigene Risikoeinschätzung. Der Gedanke „meine Coins sind nur so sicher wie die Lizenz meiner Börse" verstärkt sich, sobald ein bekannter Anbieter tatsächlich betroffen ist. Das allgemeine Prinzip Not your keys, not your coins gewinnt dadurch an praktischer Relevanz statt an bloßer Theorie.

Treiber 3: Die Travel Rule und der Wunsch nach mehr Privatsphäre

Ein dritter Treiber liegt in den technischen Details der Überweisungsregeln selbst. Die EU-Geldtransferverordnung, bekannt als Travel Rule, gilt für Krypto-Transfers bereits seit dem 30. Dezember 2024. Sie verpflichtet lizenzierte Börsen, bei jeder Überweisung Absender- und Empfängerdaten zu erfassen und weiterzugeben.

Für Transfers zwischen zwei lizenzierten Börsen gilt diese Pflicht ohne Betragsgrenze. Bei Überweisungen an private Wallets kommt ab 1.000 Euro eine zusätzliche Prüfpflicht hinzu: Die Börse muss verifizieren, dass die Ziel-Wallet tatsächlich dem eigenen Kunden gehört, bevor sie die Auszahlung ausführt. Fehlen die nötigen Nachweise, kann eine Überweisung verzögert oder vorübergehend zurückgehalten werden. Wie ein solcher Nachweis in der Praxis aussieht, erklärt unser Artikel Krypto-Herkunftsnachweis.

Für Anleger, die regelmäßig zwischen mehreren Börsen wechseln, bedeutet das mehr Reibung bei jedem einzelnen Transfer. Eine einmalige, dauerhafte Verwahrung in der eigenen Wallet umgeht diesen wiederkehrenden Prüfaufwand. Dieser praktische Aspekt, kombiniert mit dem grundsätzlichen Wunsch nach mehr Kontrolle über die eigenen Daten, macht Self-Custody für einen Teil der Nutzer zur bequemeren Dauerlösung statt zur einmaligen Ausnahme.

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Treiber 4: Delistings und der Rückzug einzelner Börsen

Der vierte Treiber ist der konkreteste: Einzelne Börsen verlassen den EU-Markt oder bewegen sich seit dem Stichtag in einer regulatorischen Grauzone. Binance hat den EU-Betrieb, wie beschrieben, zum 1. Juli 2026 eingestellt, nachdem die griechische Lizenzanfrage zurückgezogen wurde. Für Nutzer, die dort noch aktiv waren, blieb faktisch nur die Wahl zwischen einem Wechsel zu einer lizenzierten Plattform oder der eigenen Verwahrung.

Auch bei anderen internationalen Börsen ist der Lizenzstatus zum Stichtag nicht abschließend geklärt. Berichten zufolge befand sich der Antrag von Bitget bei der österreichischen Finanzmarktaufsicht FMA Ende Juni 2026 noch in Prüfung, ohne erteilte Lizenz. Für MEXC und HTX lag zu diesem Zeitpunkt weder eine erteilte MiCA-Lizenz noch ein öffentlich bekannter Antrag vor. Nutzer dieser Plattformen bewegen sich damit in einer Situation mit besonders unsicherem Ausgang, was die Attraktivität eines Wechsels in Self-Custody zusätzlich erhöht. Was das für Nutzer einer nicht-lizenzierten Börse konkret bedeutet, erklärt unser Artikel MiCA: Was passiert mit meinen Kryptos auf einer nicht-lizenzierten Börse.

Dem stehen Börsen gegenüber, die ihre Lizenzierung bereits abgeschlossen haben, etwa Coinbase über Luxemburg, Kraken über Irland oder OKX über Malta. Für deren Nutzer ändert sich durch den MiCA-Stichtag zunächst wenig. Der beschriebene Trend betrifft also vor allem Anleger, deren bisherige Plattform ohne Lizenz dasteht, nicht den gesamten Markt gleichermaßen.

Was der Trend für deine Steuerdokumentation bedeutet

Unabhängig davon, welcher der vier Treiber im Einzelfall den Ausschlag gibt: Ein Wechsel in Self-Custody verändert die steuerliche Ausgangslage nicht automatisch. Die reine Übertragung von Kryptowährungen zwischen Börse und eigener Wallet ist in Deutschland kein steuerpflichtiges Ereignis. Entscheidend bleibt aber, dass Kostenbasis und einjährige Haltefrist für jeden Coin korrekt weitergeführt werden, auch wenn er die Plattform wechselt – denn davon hängt ab, ob ein späterer Verkauf steuerfrei bleibt. Einen umfassenderen Überblick über die Besteuerung von Kryptowährungen in Deutschland bietet unser Steuer-Guide für 2026.

Genau hier entsteht in der Praxis oft eine Lücke: Wer den ursprünglichen Kaufzeitpunkt und Kaufkurs eines Coins nicht mehr sauber dokumentiert hat, kann beim späteren Verkauf aus der eigenen Wallet nicht mehr zweifelsfrei nachweisen, ob die Haltefrist erreicht wurde. Wie sich die Haltefrist-Regelung mittelfristig entwickeln könnte, ordnet unser Artikel Krypto-Steuer 2027: Der Kabinettsbeschluss vom 6. Juli ein.

Zusätzliche Relevanz gewinnt das durch DAC8: Seit 1. Januar 2026 sammeln Krypto-Dienstleister in der EU Transaktionsdaten, die ab 2027 erstmals automatisch an die Steuerbehörden gemeldet werden. Wie DAC8 im Detail funktioniert, erklärt unser Artikel Was ist DAC8? EU-Krypto-Steuer und Meldepflicht 2026 erklärt.

Fazit: Selbstverwahrung wächst, Pflichten bleiben

Der Trend zur Selbstverwahrung nach dem MiCA-Stichtag ist real, auch wenn die meistzitierte Einzelzahl, die 70 Prozent von Binance, eine unternehmenseigene, unabhängig nicht geprüfte Einschätzung bleibt. Belastbarer sind die strukturellen Treiber: eine verengte Anbieterlandschaft, Vertrauensverlust nach Börsenrückzügen, strengere Wallet-Prüfungen und Plattformen ohne EU-Status. Wer wechselt, sollte bedenken: Steuerpflichten bleiben bestehen, und lückenlose Dokumentation über den Plattformwechsel hinweg wird wichtiger.

Steuerlich sauber in Self-Custody wechseln

CoinTracking dokumentiert Kostenbasis und Haltefrist automatisch weiter, egal ob deine Coins auf einer Börse oder in deiner eigenen Wallet liegen.

Hinweis

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine Steuer- oder Rechtsberatung dar. Trotz sorgfältiger Recherche kann keine Gewähr für Richtigkeit, Vollständigkeit oder Aktualität der Angaben übernommen werden, insbesondere da sich Lizenzstatus einzelner Börsen kurzfristig ändern kann. Für eine verbindliche Einschätzung deiner individuellen Situation wende dich an einen Steuerberater.
Luis Schilli, Krypto-Steuer-Manager
Autor

Luis Schilli

Krypto-Steuer-Manager

Luis ist Krypto-Steuerexperte, Webinar-Host und Content Creator bei CoinTracking. Er hilft Tradern und Investoren dabei, die Besteuerung von Kryptowährungen mit praxisnahen Anleitungen zu meistern.

Häufig gestellte Fragen zu MiCA-Effekt

Gemeint ist die Beobachtung, dass seit dem MiCA-Stichtag auffällig viele Krypto-Anleger ihre Coins von Börsen abziehen und stattdessen selbst verwahren. Auslöser sind Lizenz-Knappheit, sinkendes Vertrauen in zentrale Plattformen und strengere Überweisungsregeln. Der Trend betrifft vor allem Nutzer betroffener Börsen, nicht den gesamten Markt gleichermaßen.

Nur wenn deine Börse keine gültige CASP-Lizenz hat oder ihren EU-Betrieb einstellt. Ob deine Plattform lizenziert ist, prüfst du kostenlos mit dem CoinTracking MiCA-Check. Bist du auf einer lizenzierten Börse aktiv, ändert sich für dich zunächst nichts.

Nein, die reine Übertragung zwischen Börse und eigener Wallet ist in Deutschland kein steuerpflichtiges Ereignis. Wichtig ist, dass Kostenbasis und Haltefrist beim Wechsel korrekt weitergeführt werden. CoinTracking übernimmt das automatisch, sobald du beide Adressen importierst.

CoinTracking führt alle Transaktionen aus Börsen und eigenen Wallets in einem zentralen Portfolio zusammen. Über 400 Börsen und zahlreiche Blockchains werden automatisch importiert, inklusive Kostenbasis und einjähriger Haltefrist je Coin. So bleibt deine Steuerdokumentation auch nach einem Wechsel in Self-Custody lückenlos.

Überweist du mehr als 1.000 Euro von einer lizenzierten Börse an deine eigene Wallet, muss die Börse prüfen, ob dir diese Wallet tatsächlich gehört. Das kann eine Verifizierung erfordern, bevor die Auszahlung ausgeführt wird. Einmal verifiziert, laufen künftige Transfers an dieselbe Wallet in der Regel schneller.

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